Top

Ein Freund von mir

Erstellt von Film Club · Kommentieren 

Ein Film von Sebastian Schipper.

Mit Daniel Brühl, Jürgen Vogel, Sabine Timoteo in den Hauptrollen

Deutschland: 2006

Inhalt: „So lange ich denken kann, habe ich alles richtig gemacht.“ Das sagt Karl (Daniel Brühl), ein junger Mathematiker, der als Nachwuchs-Führungskraft in einer großen Versicherung arbeitet. Dass etwas fehlt in seinem Leben, entdeckt er erst durch die Begegnung mit Hans (Jürgen Vogel), der ihn in existenzielle Dinge einweiht: In die Magie des Nacktporschefahrens zum Beispiel, oder in die Kunst, wahre Königinnen wie Stelle (Sabine Timoteo) unter Tausenden zu erkennen.”

Rezension von Thomas Kerstens:

“Karl (Daniel Brühl) ist Mathematiker und arbeitet für eine Versicherung. Das klingt nicht gerade wahnsinnig spannend und abwechslungsreich, aber der Job liegt Karl, weil er Dinge mag, die man berechnen kann. Überraschungen kann er nichts abgewinnen, denn sie sind nicht vorhersehbar oder kalkulierbar. Um das Versicherungsrisiko des Autoverleihs abzuschätzen, soll Karl dort praktische Studien betreiben und sich kurzzeitig einen Job in der Branche suchen. Dort trifft er auf Hans (Jürgen Vogel) für den das Leben nur aus heiter-philosophischen Betrachtungen und Spaß zu bestehen scheint. Die kalte und emotionslose Art Karls spornt Hans zu immer neuen und ausgefallenen Ideen an, wie er Leidenschaft und Freude in Karls Leben bringen kann. Und nach anfänglicher Ablehnung beginnt die Mauer, die Karl um sein Innerstes gebaut hat zu bröckeln.
Er fängt an, Hans unwiderstehliche Art zu mögen, seine Vorliebe für schnelle Autos zu teilen und bemüht sich, seine Philosophie zu verstehen. Als ihm Hans seine Freundin Stelle vorstellt (Sabine Timoteo) gerät Karls so geordnete Welt völlig aus den Fugen. Denn Liebe lässt sich nicht planen oder berechnen; oft trifft sie Herzen wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Zutiefst verunsichert weiß Karl zum ersten Mal nicht wie es weiter gehen soll. Verstand und Herz wollen nicht mehr dieselbe Richtung einschlagen.
Sebastian Schipper hat sich für seinen zweiten Film nach Absolute Giganten viel Zeit gelassen. Das lange warten hat sich gelohnt. Ein Freund von mir ist ein wundervoller, melancholischer und witziger Film über die wahrhaft wichtigen Dinge im Leben: Freundschaft und Liebe. Grandios gefilmt und vor allem von Jürgen Vogel und auch von Daniel Brühl superb gespielt. Rätselhaft schön und bezaubernd auch Sabine Timoteo als Stelle; nur wenige Männer dürften nicht nachvollziehen können, warum Karls Welt in ihrer Nähe ins wanken gerät.
Es gibt Einstellungen voller Ruhe und dramatischer Intensität z.B. als Karl Hans die Wahrheit über seinen Job eröffnet und sich wie der letzte Idiot aufführt oder der wunderschöne und bewegende Moment, als Karl Stelle eine spanische Liebeserklärung macht. Die Autofahrt, als Stelle Zeilen aus Gustav Mahlers Ich bin der Welt abhanden gekommen singt, sicher keine gesangstechnische Meisterleistung, aber unglaublich intensiv, natürlich auch die Sache mit dem Nacktporschefahren, Szenen, die allesamt in Erinnerung bleiben und die diesen Film für mich zu einem der besten des letzten Jahres machten. Musikalisch untermalt wird das ganz überwiegend von der Band Gravenhurst, deren wunderschöner Titel Song among the pine, der das irgendwie geniale Intro begleitet, mindestens genauso lange nachhallt wie die Echos der Story und der Bilder.
Ein Freund von mir ist eine Topvisitenkarte des deutschen Kinos und ein Beleg dafür dass man sich um den deutschen Film keine Sorgen machen muss. Wenigstens nicht, solange es wunderbare Filme wie diesen gibt.”

Bottom